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Leseprobe Tensistoria, zwei Leben

Kapitel 1

 

Es war ein kalter, regnerischer Samstagabend im Herbst, als ich mit meinem dunkelblauen Mazda 323 das kleine Städtchen Cunningham erreichte. Die Gegend war um diese Zeit beängstigend ruhig, viel zu ruhig für meinen Geschmack. Einer der vielen Anstöße, die Stadt zu verlassen. Der schwerwiegendste Grund war allerdings der, meinen Traumberuf endlich Wirklichkeit werden zu lassen. Meine Eltern waren zwar nicht sonderlich begeistert von meiner Idee, eine Ausbildung als Polizistin zu beginnen – „das ist doch viel zu gefährlich“ – doch das war mir im Grunde genommen egal. Ich lebte nun mein eigenes Leben mit meinen ganz persönlichen Vorstellungen.
Am Ortsende, gegenüber einem schaurigen Friedhof, stellte ich meinen Wagen auf einem kleinen Parkplatz ab. Ich holte den überfüllten Delikatessenkorb vom Rücksitz, den ich eigens für meinen besten Kumpel zum Geburtstag gekauft hatte.
Anschließend begab ich mich etwas gestresst auf den Weg zur Halle, der am nahe gelegenen Friedhof entlang führte. Als ich am Eingang der Begräbnisstätte vorbeikam, starrte ich voller Entsetzen durch das geschlossene, schmiedeeiserne Tor.
Urplötzlich schossen mir die unterdrückten Erinnerungen des letzten Jahres wieder durch den Kopf. Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken, als sich die Ereignisse in meinem Gehirn wie ein Puzzle zusammensetzten.
„Hey Jean!“ Erschrocken zuckte ich zusammen und schaute wie versteinert in die Richtung der Person, die mich gerufen hatte.
Erleichtert stellte ich fest, dass es Shay war. „Denkst du etwa wieder an letztes Jahr?“ Er grinste mich belustigt an.
Findet er das etwa komisch?, dachte ich, ziemlich bestürzt über Shays Ironie. Um meine Unsicherheit zu überspielen, erwiderte ich herablassend: „Das findest du wohl äußerst amüsant, was?“, und ging ihm entgegen.
Der Wind blies durch mein glattes, kastanienbraunes Haar. Das Rascheln der Blätter am Seitenrand der Bäume löste ein Gefühl von Unruhe in mir aus.
Als ich Shay nun gegenüber stand, musterte er mich von oben bis unten. Angefangen von meinem engen, weißen Baumwoll-Sweatshirt bis hin zu meiner lockeren, khakifarbenen Stoffhose. „Du siehst mal wieder zum Anbeißen aus, Jean“‚ sagte Shay völlig beeindruckt. Etwas geschmeichelt bedankte ich mich. Shay war der Typ von Mann, auf den Frauen ein Auge warfen. Recht groß, schwarze Haare und intensive haselnussbraune Augen. Seine gebräunte Haut gab ihm noch das gewisse Etwas. Doch leider gehörte er zu der beziehungsunfähigen Sorte. Er hatte in seinen 24 Jahren zwar schon etliche Frauen gehabt, jedoch noch keine einzige Beziehung. Es war lustig, daran zurückzudenken, als er mir zu Kindergartenzeiten einen Sandkuchen gebacken hatte und direkt darauf bestand, dass ich seine Freundin werden sollte. Ich dachte mir erst: Was ist denn das für ein Clown, aber dann begannen wir immer öfter etwas miteinander zu unternehmen und so wuchs unsere Freundschaft mit jedem Jahr. Ich war froh, einen solchen Freund zu haben, aber er war wirklich nur ein guter Freund, nicht mehr und nicht weniger, denn dafür kannte ich ihn einfach viel zu gut. Obwohl er heute in seiner dunkelblauen Lee-Jeans mit seinem halb aufgeknöpften schwarzen Hemd richtig sexy wirkte.
Ich umarmte ihn zärtlich und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange. „Alles, alles Gute, wünsche ich dir.“
„Danke, meine Süße“, sagte Shay, während er mich wieder zu sich zog und mich nochmals umarmte.
„Was ist denn los mit dir?“
Ich erwiderte seine Umarmung und klopfte ihm aufmunternd auf den Rücken. „Ich hatte heute Abend noch keine einzige Frau“, klagte er.
„Och, du Armer.“ Ich entzog mich seiner Umarmung: „Es gibt schlimmere Sachen“, und musste augenblicklich an mich selbst denken. Scheinbar verrieten mich meine Blicke, als ich wieder daran dachte, ob ich irgendwann noch mal den Richtigen finden würde. Shay atmete tief ein und wieder aus. „Sag mal, wann kommt eigentlich der Zeitpunkt, an dem du deine Panzerschale ablegst und endlich mal jemanden an dich ran lässt? Werde ich das irgendwann noch mal erleben? Es wird langsam mal Zeit, dass du dir einen Typen zulegst.“
„Es war noch nicht der Richtige dabei“, erwiderte ich schnell, in der Hoffnung dieses Gespräch zu beenden. Doch, falsch gedacht. „Es war noch nicht der Richtige dabei? Was ist das denn für eine Ausrede? Sag mal, wie viele Angebote brauchst du denn noch? Du bist vor zwei Monaten 19 geworden und hattest in dieser gesamten Zeit keinen einzigen Freund.“ „Na und, was ist denn so schlimm da dran?“, fragte ich ihn, als würde mir die ganze Sache nichts ausmachen. „Das kann ich dir sagen. Weißt du eigentlich wie viel Spaß dir entgangen ist? All die schönen und knackigen Ärsche, die Brüste und natürlich nicht zu vergessen die Mu…“
„Shay, ich bin nicht lesbisch“, unterbrach ich ihn.
„Was nicht ist, kann ja noch werden.“ Er neigte sich seitlich zu mir und flüsterte mit einem verführerischen Unterton in mein Ohr: „Na, wie sieht’s aus, ich kenn da ein paar richtig geile Weiber, die würden sofort mit dir …“
Ich drückte ihn lächelnd wieder in seine Ausgangsposition zurück: „Shay, jetzt hör endlich auf zu spinnen. Schalte deine Fantasien einfach mal für ein paar Minuten ab.“
„Okay, bin wieder normal.“ Er gönnte sich noch einen großen Schluck von seinem Bier, bevor er zu dem Thema Sex munter weitererzählte. „Aber Jean, jetzt mal im Ernst. Wenn du weiterhin auf den Richtigen warten willst, akzeptiere ich das. Dann sitzt du halt noch mit 60 Jahren da und bist immer noch Jungfrau. Und ich meine, das bekommen wenige Frauen hin. Vielleicht schaffst du es mit 80 Jahren sogar ins Guinnessbuch der Rekorde.“
Ich drückte ihm regelrecht den Delikatessenkorb in die Hände und meinte beleidigt: „Da, nimm dein Geschenk, damit ich endlich in die Halle komme.“
„Oh, wie überaus freundlich du wieder bist“, faselte er mit einem ironischen Unterton.
„Na, bei so einer netten Begrüßung“, fixierte ich ihn wütend. „Pass bloß auf, dass mich deine grünen Augen nicht umbringen, bei dem Blick, den du mir gerade zuwirfst“, entgegnete mir Shay.
Plötzlich wurde die klare und stille Vollmondnacht durch ein lautes, grelles Frauenlachen zerstört. Sofort wandten Shay und ich unsere Köpfe dem Laut entgegen. Aus einiger Entfernung kamen drei Ge-stalten auf uns zu. Die eine in der Mitte war eine Frau mit wasser-stoffblonden Haaren. „Susan“, murmelte Shay vor sich hin. Halb ab-wesend bat er mich, den Fresskorb wieder entgegenzunehmen, während er in die Richtung der künstlichen Blondine starrte.
„Kommst du nicht mit?“, fragte ich ihn, obwohl ich die Antwort darauf bereits schon kannte.
„Ich habe noch etwas zu erledigen“, antwortete er, schon auf halbem Wege zu dieser Susan.
Typisch Männer, dachte ich verständnislos. Diese schwanzgesteuerten Wesen denken immer nur an das Eine.
Vorsichtig betrat ich mit dem großen Korb in der Hand die Halle. Dieser versperrte mir leider die Sicht. Ich platzierte ihn neben den anderen Geschenken auf dem Tisch, der links am Eingang aufgestellt war, und hatte nun die Möglichkeit, die Halle zu erkunden. Sie war wirklich noch größer als in meiner Erinnerung. Shay hatte scheinbar alles Mögliche zum Schmücken benutzt. Von Fastnachts- bis hin zur Halloweendekoration.
Mein erster Blick fiel auf die coole, runde Holztheke, in Form eines Holzfasses, mit den dazugehörenden Hockern. Anschließend erkundete ich die Menschenmenge, die sich gruppenweise an die ca. 20 Stehtische verteilt hatte. Ich gesellte mich zu einer dieser Gruppen.  Kerstin, eine schlaksige Brünette begrüßte mich herzlich.
Der Geburtstag war ein voller Erfolg, die Halle füllte sich von Stunde zu Stunde, und ich war so vertieft in eine Unterhaltung mit Shays Kumpel, dass mir gar nicht auffiel, wie schnell die Zeit verging. Mitt-lerweile war es kurz vor zwölf, als mich ein Mädchen auf den Vorfall des letzten Jahres ansprach.
„Ich hoffe, du verirrst dich dieses Jahr nicht noch einmal auf dem Friedhof und spinnst rum wie eine Irre“, lächelte sie mich an. Blanker Hass brodelte in meinem Inneren. Dieses Weibsbild hatte ich noch nie leiden können, doch ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen und antwortete so freundlich es nur ging: „Nur um dir persönlich ein Grab zu schaufeln.“
Ihre Mundwinkel hatten sich schnell nach unten verzogen. Beleidigt wandte sie sich von mir ab. Etwas glücklich darüber, aber zugleich auch traurig, nippte ich an meinem Drink. Diese Sache brachte mich wieder zum Nachdenken. Schweigend blickte ich aus dem Fenster zum Friedhof. Mein Herz fing wie wild an zu pochen, als würde jeden Augenblick etwas Schreckliches passieren.
Urplötzlich sah ich es wieder, genau wie letztes Jahr.
Gleich darauf erfolgte ein ohrenbetäubender Schrei, dann ein Lachen. Verstört blickte ich in die Partymenge. Keiner von ihnen zeigte irgend-eine Reaktion auf den Schrei. Es folgte erneut ein qualvolles Kreischen. Ohne zu zögern rannte ich, so schnell ich nur konnte, zum Friedhof. Die Leute schauten mir verständnislos hinterher. Ich hatte das Gefühl, in die Vergangenheit zu reisen. Es ereignete sich alles so wie beim letzten Mal.
Vor dem schmiedeeisernen Tor des Friedhofes stoppte ich ab. Vorsichtig öffnete ich es, während die Kirchturmuhr gerade Mitternacht anläutete. Das Herz sackte mir in die Hose. Dann gibt es nun wohl doch einen Unterschied zum letzten Jahr, … die Uhrzeit. Ich bin gespannt, was mich noch erwarten wird, dachte ich zitternd. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie solche Angst gehabt wie an diesem Abend. Alles schien so friedlich und ruhig. Ich konnte nur meine Schritte auf dem hellen Schotter hören. Plötzlich erblickte ich vor mir zwei schwarze Schuhe. In diesem Moment wäre ich am Liebsten weggerannt, aber meine Furcht hielt mich davon ab. Meine Blicke wanderten nach oben. Die Person trug einen langen, schwarzen Ledermantel, der seinen gesamten Körper bedeckte. Leider schaffte ich es nicht das Antlitz der Person wahrzunehmen, denn ehe ich mich versah, wurde mir ein dermaßen fester Schlag ins Gesicht verpasst, dass ich bewusstlos auf den Schotter fiel.
Ich wusste nicht, wie lange ich dort bewusstlos gelegen hatte, aber es musste schon eine ganze Weile gewesen sein, denn die Musik der Party war mittlerweile verstummt.
Es waren Tropfschläge, die mich wieder zur Besinnung brachten. Ich fasste mir an meine Klamotten, um zu überprüfen, ob es vielleicht während meiner Bewusstlosigkeit geregnet hatte, doch ich war voll-kommen trocken. Neugierig näherte ich mich langsam und prüfend, um nicht noch einmal von jemandem niedergeschlagen zu werden, den Tropfschlägen. Schließlich kam ich vor dem Jesuskreuz zum Stehen. Wie aus dem Nichts entzündeten sich Kerzen, die sich sofort in ein loderndes Feuer verwandelten. Erst jetzt fielen mir die zwei echten Fußpaare am Kreuzende auf, die über der Jesus-Statue blutgetränkt durch die feste Verschnürung hingen. Ich betete zu Gott, nicht das zu erblicken, was ich jetzt ahnte. Ich hoffte in einem Alptraum gelandet zu sein, aber leider war das nicht so. In Gedanken versunken erschrak ich, als etwas Nasses, Kaltes auf meinen Kopf platschte. Zögernd be-tastete ich mein Haar. Ich fühlte eine schmierige, schleimige Substanz auf meinem Kopf. Angewidert ließ ich meinen Arm wieder nach unten gleiten. Im Licht des flackernden Kerzenscheines, konnte ich die Farbe der Flüssigkeit erkennen. ROT. Jede Menge Blut, vermischt mit Spei-chel, klebte an meiner Hand. Zur Sicherheit trat ich einen Schritt zurück und schaute etwas unsicher nach oben. Ein lauter Schrei entfuhr mir. So etwas Schreckliches hatte ich nicht erwartet. Eine nackte Frau hing fest verschnürt am Kreuze Jesu. Die Schnur hatte sich regelrecht in das Fleisch hineingebohrt, dass ihr am gesamten Körper, aus jeder Pore, das Blut hinunterrann. Ihr Gesichtsausdruck wirkte, trotz ihrer, durch Draht festgehaltenen, hochgezogenen Mundwinkel, sehr gequält. Noch dazu besaß sie keinen Bauch mehr. Gerade nur noch die seit-lichen Konturen eines Bauches. Ein massives Loch, in dem, bei genaue-rem Hinsehen, noch etwas befestigt war. Ein kleiner Embryo baumelte am Schnurfaden inmitten des hohlen Bauches hin und her.
Ein Gefühl von Übelkeit stieg in mir auf und ich übergab mich auf dem Schotter. Die Feuerflammen umschlossen den Körper der Frau. Es sah aus, als würde die Frau einen Mantel aus Feuers tragen. Die Drähte an ihrem Mundwinkel rissen ab und der Kopf sackte nach vorne. Das Blut, das sich von den Drähten im Mund angesammelt hatte, suchte sich nun seinen Weg nach außen.
Plötzlich geschah etwas Unglaubliches. Die Frau hob ihren Kopf und flüsterte mir zu: „Hilf mir.“
Schreie hallten in meinem Kopf wider. Es fühlte sich an, als würde er jeden Moment explodieren. Eines stand fest, ich musste hier unbedingt verschwinden, aber die Schreie in meinem Kopf gaben mir gar keine Möglichkeit mich fortzubewegen. Die Schmerzen waren einfach viel zu groß. Langsam begann ich Bilder in meinem Kopf zu sehen. Es waren die der Toten. Auf eine unmögliche Art und Weise setzten sich die Bil-der in meinem Kopf zusammen und ich konnte nun mit ansehen, wie eine Gestalt im schwarzen Ledermantel die Frau auf brutalste Weise misshandelte, vergewaltigte und schließlich an ihren erlittenen Schmerzen verbluten ließ. Tränen glitten meine Wangen hinab. Die Leiche der Frau war schon fast völlig verbrannt. Ich konnte nichts mehr sagen, geschweige denn mich bewegen, also schrie ich nur noch. Ich schrie aus Leibeskräften.
Irgendwann versammelten sich die ersten Leute auf dem Friedhof. Kniend lag ich auf dem Schotter vor dem Kreuz. Ich nahm schon gar nicht mehr wahr, was hinter mir geschah.
Ein Polizist war es, der mir wieder half auf die Beine zu kommen. Ich musste mich sofort darauf nochmals übergeben. Er stellte mir Fragen, die ich nur halbwegs registrierte, und ebenso wenig in meiner jetzigen Lage beantworten konnte. Ich fühlte mich wie eine leere Hülle, aus der jegliches Leben herausgesaugt wurde. Dann sah ich Shay und mir wurde schwarz vor Augen.
 
Kapitel 2
 
Als ich wieder halbwegs zu mir kam, unterhielten sich gerade zwei Personen über meinen Zustand. Einer der Stimmen erkannte ich auf Anhieb. Es war die von Shay. Die andere benutzte in einem Satz so viele fachliche Ausdrücke, dass man den Sachinhalt nur verstehen konnte, wenn man auch wirklich aufmerksam zuhörte, was ich nicht tat. Bis die Unterhaltung angenehmer wurde. „Wie siehts aus, Doc? Wird sie wieder?“, erklang Shays Stimme.
„Das auf jeden Fall“, hörte ich den Arzt antworten. „Nur benötigt sie im Moment sehr viel Ruhe. Sie war in einem Schockzustand, damit sollte man besonders behutsam umgehen. Das, was Mrs. Sullivan mit angesehen hat, wird sie wahrscheinlich noch ihr ganzes Leben lang verfolgen.“
Wie vom Blitz getroffen erschienen abermals die Bilder des Vorfalls in meinem Kopf, so stark, dass ich vom Krankenbett hochfuhr und aufschrie. Shay versuchte mich zu beruhigen, aber es half nichts. Mit aller Gewalt hielt er mich fest, damit der Arzt die Beruhigungsspritze an meinem rechten Arm ansetzen konnte. Die Wirkung der Spritze zeigte sich schon nach wenigen Sekunden. Wie in Trance hörte ich den Arzt zu mir sagen: „Es tut mir aufrichtig Leid, Mrs. Sullivan, aber anders hätte ich Sie nicht beruhigen können. Sie werden jetzt noch ein paar Stunden schlafen und danach versuchen wir einen weiteren Anlauf.“ Meine Augenlider wurden immer schwerer und schwerer, und schließlich fiel ich in einen tiefen Schlaf.
Schweißgebadet und völlig fertig wachte ich auf. Shay saß noch immer an der Seite des Krankenbettes und blickte mich durch seine leuchtend braunen Augen besorgt an. „Und? Wie geht es dir?“
„Wie wird es einem nach solch einer Aktion schon gehen, scheiße natürlich.“
„Die Polizei wartet schon ne ganze Weile darauf, dass du aufwachst. Du warst immerhin die Erste am Tatort.“
„Ja“, erwiderte ich etwas abwesend, da sich wieder einmal die Ereig-nisse des Vorfalls in meinem Kopf überschlugen, doch diesmal nur, weil ich darüber nachdachte. „Was hattest du dort eigentlich zu su-chen?“
Ich erzählte Shay von dem Mann, den ich auf dem Friedhof gesehen hatte, der mich später niederschlug und von der Frau, die am Jesuskreuz befestigt war. Er schaute mich ungläubig an. „Und das soll ich dir jetzt glauben?“
„So war es aber. Ich konnte später sogar, durch Bilder in meinem Kopf, den Mord mitverfolgen.“
Shay schüttelte verständnislos den Kopf. „Das darfst du aber nicht der Polizei erzählen. Die schicken dich dann gleich in die Klapse.“
„Glaubst du mir etwa nicht?“
Shay zögerte, bevor er seine Antwort wohlüberlegt äußerte: „Nun, es klingt schon ziemlich verrückt, aber ich kenne dich. Du würdest nie solch einen Mist erfinden.“
„Das heißt, du glaubst mir?“
Er nickte stumm.
Erleichtert atmete ich aus. „Danke. Haben sie eigentlich mittlerweile herausgefunden, wer diese Frau war?“
„Nein, leider nicht. Sie meinten, es wird ziemlich schwierig werden, anhand der Asche die DNA der Toten herauszufinden. So etwas könnte Monate dauern.“
„Was???“, rief ich fassungslos. „Aber bis dahin kann der Mörder ja schon über alle Berge sein!“
„Mach dir mal darüber keine Gedanken. Die Mordkommission arbeitet auf Hochtouren. Die regeln das schon.“
Nach einer kurzen Pause fragte mich Shay: „Konntest du denn das Gesicht des Mörders in diesen Bildern in deinem Kopf erkennen?“ Bedauernd schüttelte ich den Kopf. „Leider nein. Er hatte seinen schwarzen Hut so tief in sein Gesicht gezogen, dass ich gar keine Mög-lichkeit hatte, irgendetwas von seinem Gesicht zu erkennen. Genauso wenig kann ich beurteilen, wie seine körperliche Verfassung war, denn er trug einen langen, schwarzen Ledermantel.“
Kurz darauf klopfte es an die Tür und ein Polizeibeamter in seiner blauen Uniform betrat den Raum.
Shay musste, während die Polizisten mit ihrer Fragerei loslegten, drau-ßen warten. Es war sehr schwierig für mich, über den Vorfall zu berichten, denn jedes Mal, wenn ich mich an etwas erinnern sollte, war mein Kopf übersät mit jeglichen Bildern von diesem tragischen Abend.
Nach einer Stunde regelrechter Ausquetscherei betrat ein Arzt das Zimmer und bat die Polizisten, auf schnellstem Wege den Raum zu ver-lassen, da seine Patientin sehr viel Ruhe benötigte. Die Polizisten mach-ten sich sofort auf den Weg mit dem Vermerk in der kommenden Woche ein weiteres Mal vorbeizuschauen.
„Wie geht es Ihnen, Mrs. Sullivan?“, fragte er mich mit genauso be-sorgter Miene wie Shay.
„Den Umständen entsprechend.“
„Es tut mir Leid. Hätte ich gewusst, dass Sie Besuch von Polizisten haben, wäre ich früher hier gewesen. Normalerweise ist es erst erlaubt die Patienten am dritten Tage zu befragen, damit Sie den Vorfall erst einmal verdauen können. Aber Sie machen den Anschein, als hätten Sie es gut weg gesteckt.“
Aber auch nur vom Anschein her, schoss es mir durch den Kopf. „Sagen wir mal so, ich kann damit umgehen.“
„Schön zu hören. Dann werden wir Sie auch nicht mehr allzu lange hier behalten müssen, wenn Ihr Zustand so gut bleibt.“
„Wie lange denn höchstens?“
Er lachte laut auf. „Sie haben es ja ziemlich eilig, hier wegzukommen, was?“
„Nun, in Krankenhäusern liegt jeder normale Mensch nicht so gerne.“
Er nickte verständnisvoll. „In circa zwei bis drei Tagen können Sie dann das Krankenhaus verlassen. Das heißt aber nicht, dass Sie wieder voll durchstarten können. Nach einem Schock sollte man wirklich alles lang-sam angehen. Es könnte durchaus sein, dass es sich wiederholt.“
Ich schaute ihn verwirrt an. „Wie denn das? Der Vorfall wird bestimmt kein zweites Mal passieren.“
„Das nicht, aber der Mörder ist immer noch auf freiem Fuß.“
„Ich denke nicht, dass ich ein weiteres Mal an solch einem Mord be-teiligt sein werde.“
„Sagen Sie das nicht. Heutzutage geschehen die mysteriösesten Dinge.“ Diese Aussage konnte ich natürlich nicht leugnen. Schließlich hatte ich mit meinen eigenen Augen gesehen, dass solche Geschehnisse durchaus möglich waren.
Im Fernsehen berichteten sie auf allen Nachrichtensendern von dem Mord. Zum Glück wurde ich nicht erwähnt.
Ich verbrachte insgesamt noch zwei langweilige Tage im Krankenhaus.
Am Mittwochabend kehrte ich endlich wieder zurück in meine Wohnung. Ich war erst seit Kurzem von zu Hause ausgezogen. Da ich in Hunten an der Uni studierte, hielt ich es für angemessen, mir dort eine Wohnung zu mieten, denn die einstündige Fahrt nach Hause und wieder zurück, wäre auf Dauer ganz schön teuer geworden.
Ich wollte diesen Vorfall für mich behalten, also erzählte ich meinen Eltern, als ich im Krankenhaus lag, dass ich vom Polizeipräsidium aus drei Tage weg musste. „Solch eine studiumübergreifende Ausbildung ist gar nicht mal so einfach!“, musste ich mir von meinen Eltern anhören. Aber das war mir egal, ich wollte es mit allen Mitteln durchziehen, um nachher meiner Pflicht als Polizistin nachzukommen.
Und nun hatte ich auch noch zwei Kurstage verpasst. Das fehlte mir gerade noch. Kaum angefangen und schon Fehltage, na das fängt ja gut an, dachte ich verärgert, während ich die Marmortreppen meines Mietshauses zum dritten Stock hinaufstieg.
Shay trottete mit meinem Gepäck schweratmend hinter mir her. „Ahhh, sag mal − ahhh, was hast du denn alles im Koffer? Hast du deine Steinsammlung mit ins Krankenhaus genommen?“
„Na, was denkst du wohl, was eine Frau so alles braucht, wenn sie so lange von zu Hause weg ist.“
„Ahhh − lange? Du lagst gerade mal vier Tage im Krankenhaus? Ahhh − das ist doch nicht lange?“
„Für eine Frau schon. Aber, wenn es wirklich so schwer für dich ist, dann schleppe ich ihn eben selbst.“
Etwas perplex schaute er mich mit seinen Glubschaugen an. „Das ist doch nicht dein Ernst?“
„Doch. Na komm, ich helfe dir. Ist ja nicht so schlimm, wenn du es nicht mehr packst. Ich meine, du schleppst ja auch nicht täglich solch einen schweren Koffer durch die Gegend. Da kann es schon einmal passieren, dass du deine Muskeln überstrapazierst, und das möchte ich ja in jedem Fall verhindern.“ Kaum hatte ich diese Worte gesagt, konn-te ich vor mir nur noch eine Staubwolke erblicken. Ich grinste belusti-gend. „Ja, ja, klappt aber auch immer wieder.“
Normalerweise regte sich Shay jedes Mal darüber auf, wenn ich das tat, aber diesmal lächelte er. „Schön, dass es dir wieder etwas besser geht.“ „Ja“, log ich ihn an. Ich wollte Shay nicht mit meinen Problemen belas-ten. Ich hatte mir vorgenommen, den Fall in die eigenen Händen zu nehmen. Immerhin kannte ich das Gesicht des Opfers (auch wenn es zu diesem Zeitpunkt etwas entstellt war), dadurch konnte ich mir ein Phantombild anfertigen. Shay stellte die Tasche in den Flur neben die Kommode. „So, ich bin dann mal wieder weg. Oder soll ich dir noch etwas Gesellschaft leisten?“ Er klammerte sich an meinen Arm.
„Nein, lass nur.“ Ich entriss mich seinem Klammergriff und meinte: „Ich brauche erst einmal Ruhe.“
Zufrieden klopfte er mir auf die Schulter. „Das ist der beste Weg zur Genesung. Dann machs mal gut. Man sieht sich die Tage.“ Die Woh-nungstür schepperte hinter ihm ins Schloss.
Erleichtert seufzte ich und huschte in mein großes Wohnzimmer. Ich besorgte mir ein Stück Papier und einen spitzen Bleistift und begann das Phantombild zu zeichnen. Schon als Kind bewunderte jeder meinen Zeichenstil. „Du hast einfach ein Händchen dafür“, meinte meine damalige Grundschullehrerin.
Nach etwa einer Stunde hatte ich das Gesicht der Frau mit allen Einzel-heiten auf das Papier gebracht. Die Zeichnung wirkte so real, dass sie mir schon irgendwie Angst einjagte. Leider konnte ich mich nicht mehr an ihre Haarfarbe erinnern. Ich schob die Zeichnung mit einer kurzen Erklärung in einen Briefumschlag. Auf diesen schrieb ich nun die Adresse der Polizei und natürlich meinen Absender, klebte eine Frei-marke oben rechts in die Ecke des Umschlages und schlenderte nach draußen zum Briefkasten, um den Brief dort einzuwerfen.
Als ich davor stand, zögerte ich für einen kurzen Moment. Hoffentlich finden sie deinen Mörder, kreiste es durch meine Gedanken. Ich schob den Brief in den Briefkastenschlitz hinein.
Mit einem Mal kam ein solcher Wind auf, dass ich mich an der Straßen-laterne festhalten musste, um nicht vom Boden gerissen zu werden. In Sekundenschnelle hatte der Wind sich wieder gelegt. Das Licht aller Straßenlaternen fing an zu flattern und kein einziges Auto fuhr mehr auf der Straße. Das Geflatter der Straßenlaternen wurde immer heftiger. Sie fingen an, Funken zu sprühen und dann erloschen sie. Mir wurde kalt und die Angst breitete sich in meinem Körper aus. Langsam wagte ich ein paar Schritte nach vorne, bis ich gegen etwas Hartes stieß. Ich atmete schwer, als würde mir jemand Sauerstoff entziehen. Ich wollte mich umdrehen, um davonzulaufen, aber ich war wie gelähmt. Meine Arme konnte ich glücklicherweise noch bewegen. Vorsichtig und langsam schob ich meinen Jackenärmel nach oben, bis ich meine Arm-banduhr spüren konnte. Ich drückte auf den Lichtknopf, 0.00 Uhr. Ein gewaltiger Angstpegel breitete sich wieder in mir aus, als ich einen Schatten vor mir vernahm. Obwohl ich es nicht wollte, musste ich wissen, mit was ich es zu tun hatte, also hob ich meinen Kopf. Meine Blicke wurden immer starrer, als ich an diesem Etwas hinaufblickte, an das ich gestoßen war. Erst war alles schwarz, dann erkannte ich die Form eines Mantels und schließlich gab die Batterie meiner Digitaluhr den Geist auf. Doch ehe ich mich versah, entzündete sich eine Fackel vor mir und ich blickte in die schwarzen Augen des Mörders. „Hallo Jean, so trifft man sich wieder“, erklang seine leblos wirkende, raue Stimme amüsiert in der tiefen Leere der Straße.

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